"Stoannursch"

von Stefan Denk, 1953 1)

Höchst beachtenswert ist der eigenartige "Bestattungsstein" von "Außer-Ochsenbach", Rotte Zehethof. Von Steinakirchen am Forst führt über Außer-Ochsenbach in das Ybbsfeld bei Senftenegg hinaus eine Straße, die, wenn auch abweichend von der jetzigen Trasse, seit längerem schon für die römische Zeit als erwiesen gilt. An dieser stark ansteigenden Passstraße liegen, etwa 2 km nach dem Ortsausgang von Steinakirchen, im Bereich der Gemeinde Außer-Ochsenbach zwei einzelne, ungefähr 300 m voneinander entfernte alte Bauernhöfe die den auffallenden Hofnamen "Klein-Stoannuasch" und "Groß-Stoan-Nuasch" führen. Von beiden Häusern wieder etwa 300 m weit und 50 m westlich der Straße liegt ohne Zuweg im freien Feld auf einer kleinen Geländestufe, die an eine überwachsene Altstraße erinnert, der Anlass dieser sonderbaren Hofbezeichnung, ein steinerner Nuasch oder Trog von folgender Beschaffenheit:

Es ist ein Findlingsblock von schönem, feingekörntem Granit, Da ein solches Vorkommen auf dieser gebuckelten Hochfläche ein geologisches Rätsel darstellt, ist zu vermuten, dass der Stein von Menschen hierher geschafft wurde. Der Stein ist nur ganz wenig in die Erde eingesunken und liegt nach Mitteilung der Bauern, die ihn schon einmal erfolglos wegzuschaffen versuchten, nicht auf tragenden Steinen, sondern auf der gewachsenen Erde auf. Seine unregelmäßige Höhe beträgt bis zu 70 cm, seine größte Breite rund 150 cm und seine größte Lände, die ungefähr ost-westlich ausgerichtet ist, rund 220 cm. Der Grundriss des Steines bildet ein sehr unregelmäßiges, langgezogenes Sechseck mit Seitenlängen von annähernd 50, 110, 130 ,80 130, und 80 cm, im Osten beginnend über Norden herum gemessen. Die Grundform des Findlings ist zweifellos von der Natur gegeben, doch lassen Geradlinigkeit der Kanten und Ebnung der Flächen ebenso zweifellos auf menschliche Nachhilfe schließen. Ein wenig ostwärts von der Mitte der Steinoberfläche ist ein viereckiger Trog scharfkantig herausgearbeitet: er misst in der Längenrichtung des Steines 70 cm, in seiner Breitenrichtung 40 cm und ist bis zu 25 cm tief. in Handbreite Abstand von der Ostkante der Trogbreite verläuft quer über den ganzen Stein eine fingerstarke gerade Rille.

Schon beim ersten Anblick im August 1950, geführt von Dr. med. Franz Mittner aus Steinakirchen, war sich der Verfasser über zwei verblüffende Tatsachen, und damit über die wahre Bedeutung dieses Steines sogleich klar: erstens ist die Wanne im Granitfindling von Außer-Ochsenbach völlig gleichartig gestaltet wie die Urnentröge von Schlattenhof in Koth-Rainberg an der Straße Ruprechtshofen - Wieselburg 2) und zweitens erinnert der Findling in den Umrissen unverkennbar an eine Mumie oder an die militärische Zielscheibe " Vorlaufende Figur", also an eine gestreckte menschliche Gestalt.

Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die nächsten Felsenurnentröge von der Art wie die in Außer-Ochsenbach und in Koth-Rainberg erst fern im Westen im Moselgebiet, der alten Heimat der keltischen Treverer, vorkommen, lässt die Kontur des Steines an die frühe Bronzezeit zurückführenden Menhire oder Menschensteine denken, wie sie von Nordafrika über Westeuropa bekannt sind. Es treten also in Außer-Ochsenbach zwei aus dem Westen gekommende, aus verschiedenen Kulturkreisen und Zeiten stammende Gestaltungen des Totenkults zum ersten und bisher einzigen Male verbunden in Erscheinung.

Die Rille neben dem Urnentrog wie in Außer-Ochsenbach kommt übrigens auch an den Felswannen im Moselgebiet, jedoch nicht an jenen beim Schlattenhof vor.

Die Urnen, die im Erlauf-Gebiet aus verschiedenen Stufen der Bronzezeit gefunden wurden und sicherlich auf noch später in Verwendung standen, sind meist weniger als 25 cm hoch, mehr in die Breite geformt und deckellos, fänden also im Außer-Ochsenbacher Trog gut Platz. Auch kann ja die Bestattung ohne Urne unmittelbar in der Felswanne erfolgt sein. Schlauchförmige, gedeckelte Urnen, wie sie in Koth-Rainberg erst aus römischer Zeit gefunden wurden, setzen wegen ihrer Höhe voraus, dass der Stein ursprünglich aufrecht stand; das ist aber unwahrscheinlich. Urnenscherben oder Trogdeckel wurden in Außer-Ochsenbach nicht gefunden. Gewiss wurde das Material für den Trogdeckel schon der Materialgleichheit halber - vom Findling selbst genommen. An einer Stelle des Findlings fehlt nun ein Stück, das bei dreieckigem Grundriss etwa 70 cm hoch ist, also gleich der Länge der Trogausnehmung. Dieses dreiseitige Prisma könnte gut einen passenden Deckel in Satteldachform abgegeben haben, wie er bei den Gräbern im Mosellande erwiesen ist.3)

Da einerseits die sorgfältige Ausarbeitung des Urnentroges bei der Härte des Granits unbedingt schon Eisenwerkzeug voraussetzt, anderseits aber keinerlei Anzeichen von römischer Beeinflussung vorhanden sind und die Erinnerung an die alte Heimat im fernen Westen mit dortigen vorkeltischen Totenkultformen bei diesem "Bestattungsstein" noch voll lebendig gewesen zu sein scheint, ohne sich mit hiesigen vorkeltischen illyrischen Bestattungsbräuchen wie später zu vermischen, so dürfte dieses Totenmal von Außer-Ochsenbach nach Meinung des Verfassers in der Frühzeit der Kelten in Noricum entstanden sein. Es ist aber nicht als Ausdrucksform der
La-Tene-Kultur 4) aufzufassen.

Sehr beachtenswert ist die bodenständige Überlieferung zu diesem Bestattungsstein, den die Bauern teils für einen kleinen Tränktrog, teils für einen alten Taufstein halten, während ihn "Sachverständige" als einen Opferaltar mit Blutrinne (wegen der Rille) deuteten. Dort, wo man westlich der Straße Steinakirchen - Ferschnitz zu dem Stein abzweigt, steht östlich an der Straße eine offene Kapelle. An ihrer Stelle soll nach der Sage in alter Zeit ein Kirchlein mit einem Friedhof gewesen sein. Da aber weder Siedlungsverhältnisse noch Geschichtsunterlagen für die Wahrscheinlichkeit dieser Überlieferung sprechen, ist zu vermuten, dass da wohl früher beim Ackern Menschenknochen zutage kamen, woran sich allerdings niemand mehr erinnert, und da sich die Bauern einst ein solches Knochenvorkommen ohne Friedhof und weiter einen Friedhof ohne Kirchen nicht vorstellen konnten, mag eben die erklärende - und für weitere Forschung vielleicht wegweisende - Sage entstanden sein. Dazu kommt, dass von dieser Kapelle nach Osten in der Richtung gegen die Rotte Stetten zu, doch bald im Wald sich verlierend, ein niedriger, aber deutlicher, verwachsener Damm verläuft, den die Bauern als "Römerweg" erklären und der vielleicht nach Westen zu in der Geländestufe beim Bestattungsstein wiederholt alter Mörtel ausgeackert wurde. Jedenfalls ist eine größere allgemeine Bestattungsanlage in enger Nachbarschaft dieses ganz einmaligen "UrnentrogMenhirs", der sicherlich einem besonderen Toten galt, sehr gut denkbar. Das alles einwandfrei zu klären, wäre eine dankenswerte Aufgabe für die zünftige (!) Wissenschaft.
 

1) entnommen aus dem Buch: "Ur- und frühgeschichtliche Funde im Erlauf-Gebiet" von Stefan Denk, Verlag Sepp Ramharter Amstetten, NÖ, 1953

2) Felsengräber beim Schlattenbauernhof, Rotte Koth Nr. 7, Gemeinde Rainberg

3) P. Steiner, Eine vorgeschichtliche Plateaufeste im Trevererland.
Schumacher Festschrift, S. 169 ff, Mainz 1930

4) La Tène - jängere Eisenzeit - ca. ab 400 v.Chr.

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